Führung: „Die Leute müssen das Gefühl haben, blöd sein zu dürfen“
Philosoph Manuel Scheidegger hinterfragt im Handelsblatt-Interview den "Scheiterkult" und die Angst vor Fehlern in der Führung. Er argumentiert, dass die Akzeptanz menschlicher Fehlbarkeit – "blöd sein dürfen" – Innovation fördert und KI Grenzen aufzeigt.
Führung: „Die Leute müssen das Gefühl haben, blöd sein zu dürfen“
Der Philosoph Manuel Scheidegger rückt in einem aktuellen Beitrag die oftmals unterschätzte Rolle des "blöd sein Dürfens" in den Fokus effektiver Führung. Veröffentlicht am 18. September 2026, beleuchtet Scheidegger kritisch den Umgang mit Fehlern, Scheitern und der menschlichen Fehlbarkeit in modernen Arbeitswelten. Er argumentiert, dass die weitverbreitete Angst vor Dummheit oder Fehlern Innovation und Lernprozesse lähmt, anstatt sie zu fördern. Dies stehe im Gegensatz zu einer Unternehmenskultur, die echte Kreativität und Problemlösungskompetenz zulassen möchte.
Scheidegger kritisiert in diesem Kontext auch den oft missverstandenen "Scheiterkult", bei dem Scheitern zwar als Lernchance deklariert wird, in der Praxis jedoch kaum Raum für tatsächliche Experimente oder das Aussprechen unfertiger Gedanken bleibt. Stattdessen dominiere eine Kultur der Perfektion und des ständigen Erfolgsdrucks. Auch die Hoffnungen, die in Künstliche Intelligenz gesetzt werden, um menschliche Unzulänglichkeiten auszugleichen, betrachtet er mit einer differenzierten Perspektive. Er mahnt an, dass KI zwar effizient sei, aber die menschliche Fähigkeit zur Intuition, zum Querdenken und eben auch zum 'blöd sein Dürfen' nicht ersetzen könne, da diese oft die Quelle echter Innovationen seien.
Für angehende Führungskräfte und Studierende von MBA-Programmen sind Scheideggers Ausführungen von hoher Relevanz. Die Entwicklung einer Führungspersönlichkeit, die ein Umfeld schafft, in dem Mitarbeiter ohne Furcht vor negativen Konsequenzen Ideen äußern, Fragen stellen und auch Fehler machen dürfen, ist eine zentrale Kompetenz. Effektive Führung bedeutet demnach nicht nur, richtige Entscheidungen zu treffen, sondern auch die Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Unsicherheit und Lernbereitschaft als Stärke und nicht als Schwäche wahrgenommen werden. Dies erfordert eine Abkehr von traditionellen Top-down-Ansätzen hin zu partizipativeren und fehlerfreundlicheren Organisationsmodellen.
Im Kontext der stetig komplexer werdenden globalen Märkte und der rasanten technologischen Entwicklung wird die Fähigkeit, Unsicherheiten zu managen und aus Fehlern zu lernen, zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Scheideggers Konzept des „Meinungsfastens“, bei dem bewusst auf vorschnelle Urteile verzichtet wird, um Raum für neue Perspektiven zu schaffen, könnte dabei als praktische Übung dienen. Es unterstreicht die Notwendigkeit für Führungskräfte, nicht nur Wissen anzuhäufen, sondern auch die eigene Denkweise kritisch zu reflektieren und offen für unkonventionelle Ansätze zu bleiben.